LE DESORDRE

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PRISONNIERES & PRISONNIERS POLITIQUES, LUTTES, GEORGES IBRAHIM ABDALLAH, جورج ابراهيم عبدالله


Rache vor Gerechtigkeit - Georges Ibrahim Abdallah

Publié par LE DESORDRE sur 9 Octobre 2016, 17:51pm

Catégories : #GA - Mobilisation, #GA - La presse, #Article en allemand

Rache vor Gerechtigkeit

Ende Oktober befindet sich der libanesische Freiheitskämpfer Georges Ibrahim Abdallah bereits seit 32 Jahren in Frankreich in Haft

Georges Ibrahim Abdallah ist neben den US-amerikanischen Bürgerrechtlern Leonard Peltier und Mumia Abu-Jamal einer der am längsten inhaftierten politischen Gefangenen. Seit er sich 1984, um selbst einem Attentat zu entgehen, an die Polizei wandte, wird er in Frankreich gefangengehalten. Ihm wird vorgeworfen, als Führer der revolutionären libanesischen Untergrundgruppe FARL unter anderem für die Ermordung des US-Militärattachés Charles R. Ray und des israelischen Diplomaten Yaakov Bar-Simantov Anfang der achtziger Jahre in Paris verantwortlich zu sein. Dafür fehlt jeder direkte Beweis, und auch wenn es ihn gäbe und man außer acht ließe, dass, was man ihm zur Last legt, im Rahmen des Libanesischen Bürgerkriegs geschah, wäre das Strafmaß üblicherweise längst erfüllt: Seit 17 Jahren könnte Abdallah ohne weiteres freigelassen werden.

 

Für die Woche vom 15. bis 22. Oktober sind in Frankreich und anderen Ländern Aktionen geplant, mit denen der Forderung nach Freilassung Abdallahs Nachdruck verliehen werden soll. Höhepunkt ist am Ende der Aktionswoche eine Demonstration vor dem Gefängnis von Lannemezan, in dem er inhaftiert ist.

Die Forderung nach seiner Freilassung findet in Frankreich und international immer breitere Unterstützung. Auf dem UZ-Pressefest in Dortmund Anfang Juli 2016 wie auch auf der Fête de l’Humanité (Tageszeitung der KPF) in Paris gab es zahlreiche Beiträge und Diskussionen rund um die palästinensischen Gefangenen und Georges Abdallah. In Beirut ist die französische Botschaft seit langem Ziel von Protesten. Mitte August versammelten sich auch in Gaza Vertreter der progressiven und linken Jugend Palästinas vor der Vertretung Frankreichs, um Abdallahs Freilassung zu fordern.

Zuletzt sah es im Januar 2013 so aus, als könnte er das Gefängnis verlassen, nachdem die Justiz ein erneutes entsprechendes Gesuch positiv beschieden hatte. Doch der damalige Innenminister und heutige Premierminister Manuel Valls weigerte sich, das Dokument zu unterschreiben. »Es gab eine Intervention der USA, es sei völlig inakzeptabel, dass Georges jemals wieder aus dem Gefängnis kommt«, heißt es aus dem Solidaritätskomitee. Offenbar hatte US-Außenministerin Hillary Clinton bei ihrem französischen Amtskollegen Laurent Fabius interveniert, um Abdallahs Freilassung zu verhindern.

Als Reaktion auf die fortgesetzte Verhinderung einer Freilassung ernannte der Stadtrat von Bagnolet östlich von Paris Abdallah im Dezember 2013 zum Ehrenbürger. Dafür eingesetzt hatte sich der damalige kommunistische Bürgermeister der 35.000 Einwohner zählenden Stadt, Marc Everbecq. Als Tony di Martino von der Sozialistischen Partei ins Amt gewählt wurde, setzte er zusammen mit der konservativen UMP und der extremen Rechten alles daran, die Ernennung rückgängig zu machen. Anfang Juli erklärte das Verwaltungsgericht in Montreuil die Ehrung für ungültig.

Geboren 1951 in Kubajat/Akkar im Norden Libanons, hatte Abdallah in Beirut studiert und als Lehrer gearbeitet, zu einer Zeit, als in aller Welt die Studenten rebellierten und Freiheit für Palästina forderten. Das war im Libanon keine Theorie. Seit 1948 lebten Hunderttausende Flüchtlinge aus dem Nachbarland dort in Lagern. Abdallah schloss sich der »Syrischen Sozialen Nationalen Partei« (SSNP) an, wechselte zu George Habaschs »Volksfront zur Befreiung Palästinas« (PFLP), in deren Reihen er 1978 im Kampf gegen die Invasionstruppen der israelischen »Operation Litani« verwundet wurde. Nachdem im gleichen Jahr Wadie Haddad, Chef der »Ausländischen Spezialoperationen« der PFLP, wahrscheinlich vom Mossad vergiftet worden war, soll Abdallah gemeinsam mit einem kleinen Kreis von Mitstreitern die FARL gegründet haben und für sie ins Ausland in den Untergrund gegangen sein.

Exgeheimdienstchef Yves Bonnet, seinerzeit mit dem Fall befasst, sagte 2012 der Zeitung La Dépêche: »Ich finde es nicht normal, ja skandalös, dass Abdallah immer noch im Gefängnis ist. Meiner Meinung nach kann er sich mit Recht darauf berufen, dass die FARL nur legitimen Widerstand geleistet haben. (…) Man darf den Kontext nicht vergessen: die Massaker von Sabra und Schatila, für die niemand bestraft wurde. (…) Mit Georges Ibrahim Abdallah wird schlechter umgegangen als mit einem Serienmörder, obwohl seine Taten rein politisch motiviert waren.«

Diese Motivation dürfte der Grund dafür sein, dass Abdallah, der auf Gerechtigkeit, nicht Gnade besteht, nichts bereut und nur wieder als Lehrer arbeiten will, bis heute aus Rache weggesperrt bleibt.

Von Bärbel Bagnolet und Jörg Tiedjen

Source Junge Welt

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